Der Hof Bellevue

Hof Bellevue

Der Hof Bellevue in Unna
– von der Poststation zur Seniorenwohngemeinschaft.

Der Hof Bellevue, die Geschäftsadresse des Bestattungshauses Groß, ist ein Ort mit einer eigenen Geschichte und charakterisiert damit die Philosophie des Unternehmens. Wer Bestattungen durchführt, gestaltet den Rahmen für Erinnerungsarbeit. Von großer Bedeutung ist dabei, spürbar werden zu lassen, dass Vergänglichkeit, Veränderung und Bewahrung keine Gegensätze sind, sondern sich gegenseitig durchdringen. Die Abschiedsräume in den Räumen des alten Hofes vermitteln Geborgenheit, Würde und Freundlichkeit. Sie gewähren Gastfreundschaft für die letzten Momente der Abschiednahme, in der Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft in einander greifen.

Als Birte Schneider 2006 den Hof Bellevue übernahm, um dort ihr Bestattungshaus und die Seniorenwohngemeinschaft einzurichten, verpflichtete sie sich vertraglich, das Anwesen zu erhalten. Damit ist es gelungen, ein historisches Gebäude so zu belassen, das es Vergangenheit lebendig erhält. Es regt die Phantasie an, seine Mauern erzählen Geschichten, verbinden die Menschen über die Zeiten hinweg. Insofern ist es ein idealer Ort für Menschen, die Abschied nehmen. Es zeugt davon, dass Erinnerungen bleiben, wenn man die Voraussetzungen findet, sie zu pflegen.

Hof Bellevue

Wer heute die Massenerstraße auf dem Weg zu einem Möbelhaus oder Baumarkt befährt, vermutet nicht, welches Kleinod sich hinter den Mauern des alten Gutshofes verbirgt. Ein traumhafter Innenhof lädt zum Verweilen ein und führt die Gedanken zurück in das Jahr 1828, als Sophie Möllmann dieses Gebäude bauen ließ.

Bellevue - schöne Aussicht, das war in dieser Zeit kein ungewöhnlicher Name. Er bezeichnete lange nicht nur den Hof, sondern den gesamten Unnaer Westen. Auch Gaststätten und Vereine hießen in diesem Stadtviertel „Bellevue“. Seit wann man den Namen „Bellevue“ für diese Gegend verwandte, kann man nicht genau sagen. Vermutlich führt er auf die napoleonische Besatzungszeit bis zum Jahre 1813 zurück. Doch ist es eine durchaus gebräuchliche Bezeichnung für schöne Orte, der sich in vielen Gegenden Deutschlands finden lässt.

Mit Sicherheit hatte man eine „schöne Aussicht“, denn der Ort ist neben der Wilhelmshöhe die zweithöchste Erhebung Unnas mit 116 Meter über N.N., in der man in die Landschaft sehen konnte. Je nachdem in welche Richtung man schaute, bis nach Dortmund, über Oberaden bis Hamm und bis Opherdicke bot sich dem Betrachter ein unverstellter Blick über Wiesen und Äcker. Ein passender Platz zum Bauen, wie Sophie Möllmann entschied, über die man nur weiß, dass sie am 19.2.1799 in Hengsen geboren und in Afferde gestorben ist.

Hof Bellevue

Es gibt Vermutungen, die darauf hinweisen, dass das ursprüngliche Gebäude als Poststation errichtet wurde. Es wurde ein Pferdestall für acht Pferde gebaut, der in das Wohnhaus integriert war. Das passt in das Bild von der Poststation, die auf der Strecke zwischen Werl und Applerbeck gelegen hätte. Die Entfernung betrug genau zwischen den einzelnen Stationen 12 km, die die Pferde gemächlich hätten bewältigen können. Bei Thurn und Taxis findet sich kein Hinweis, aber es gab weitere private Postlinien, zu der diese Poststation gehört haben kann.

Es gibt bis heute ein Porträt von Sophie Möllmann, das sich im Besitz der Tochter der vorigen Besitzer, des Ehepaares Rühl, befindet. Sonst weiß man nichts über „das olle Wief“, wie sie im Familienjargon genannt wurde.

Die Wasserversorgung bestand aus zwei Brunnen, die heute versiegt sind. Zwei ha Wald in der Nähe des Ortes Overberge gehörten ebenfalls zum Besitz. Dort wurde das Holz geschlagen, das in der Küche des Hofes Bellevue verfeuert wurde.

Eine Besonderheit des Baus ist, dass er aus Feldbrennern errichtet wurde. In der Massener Heide gab es ziegelfähigen Lehm, der ungefähr seit dem Jahr 1825 dort abgebaut und zu Ziegeln geformt wurde. Ähnlich wie ein Holzmeiler wurden sie dann aufgeschichtet und gebrannt. Als 1954 die Brücke über die B1 über das Liedbachtal gebaut wurde, entdeckte man die Stellen, wo die Ziegel gebrannt wurden. Diese Feldbrenner verleihen dem Gebäude seinen Charakter und seine Stabilität. Es musste in der ganzen Zeit nicht nachgefugt werden.

Hof Bellevue

Der Hof ist immer in weiblicher Linie vererbt worden. Da Sophie Möllmann kinderlos bleibt, ist er wahrscheinlich an ihre Nichten übergegangen.

Es gibt einen Beleg aus dem Jahre 1885, der 16 Bewohner auf dem Gehöft laut amtlicher Zählung angibt. Neben den Besitzern sind dort sicher die Bediensteten mitgezählt, die wahrscheinlich auch auf dem Hof gewohnt haben. Man muss sich vorstellen, dass im Sommer 14-16 Stunden auf dem Hof gearbeitet wurde, es aber im Winter nicht viel zu tun gab.

In einem Stein des Scheunentores kann man heute noch die Namen „Habbes“ und „Wisselmann“ neben der Jahreszahl 1894 lesen. In diesem Jahr stellte Heinrich Wisselmann einen Bauantrag, um einen Stall, eine Scheune und Remise zu errichten. Henriette Habbes und Heinrich Wisselmann waren die Großeltern der letzen Besitzerin des Hofes, Annemarie Rühl. Henriette Habbes (23.11.1861 geb. in Afferde gest. 10.9.1921) hatte den Hof geerbt, und durch Einheirat kam er in die Wisselmannsche Linie.

Hof Bellevue

Karl Heinrich Friedrich Wilhelm Wisselmann, genannt Bettmann (geb.11.5. 1852 in Massen gest. 28.3.1933), bekam eine Medaille für besondere Verdienste in der Landwirtschaft verliehen. Man sagte, dass man mit dem Boden der Bellevue auch andere Ländereien gedüngt hat. Es war ein besonders guter Boden, auf dem sich ertragreich wirtschaften ließ. Nach dem Tod der Großmutter wohnten zwei Nichten und ein Neffe aus der Habbes-Linie auf dem Hof, um den Großvater zu versorgen bis dieser nach Witten zog, wo er bis zu seinem Tode lebte.

Als der Hof an den Sohn Heinrich Wisselmann vererbt wurde, wollte er den Hof nicht übernehmen. Er studierte Bergbau und ging später von Bochum nach Berlin. Heinrich Wisselmann war der erste männliche Erbe, der die weibliche Erbfolge durchbrach.

Der Sohn des damaligen Verwalters Hermann Mersmann wurde von 1913 – 1937 Pächter. Er erinnerte sich daran, als er auf dem Hof aufgewachsen war, dass die drei Habbes-Geschwister ihn oft verwöhnten und ihm Süßigkeiten schenkten.

Von 1937 –1953 übernahm Herr Conradi die Pacht. Die Familie stammte aus Hengsen. Als dort der Truppenübungsplatz gebaut wurde, mussten sie Land abgeben und pachteten dann den Hof Bellevue. Als er während des 2. Weltkriegs in russische Kriegsgefangenschaft geriet, war seine Frau allein auf dem Hof und nahm weitere fünf Flüchtlingsfamilien auf, die dort Platz fanden.

Hof Bellevue

Annemarie Rühl war als junge Frau verwitwet und wollte in ihren Beruf als Säuglingsschwester zurückkehren. Doch ihr Vater vererbte ihr vorzeitig die Bellevue in Unna und schlug ihr vor, den Besitz zu bewirtschaften. Als Berliner Stadtkind war sie völlig unerfahren in der Landwirtschaft. Doch ließ sie sich auf das Abenteuer ein. Während ihrer Ausbildung auf einem Musterhof der Farbwerke Höchst in der Nähe von Frankfurt/Main lernte sie ihren späteren Mann Otto Rühl kennen.

Gemeinsam zogen sie 1953 auf den Hof Bellevue und fanden ihn in einem guten Zustand vor. Es waren 30 ha, die sie übernahmen. Mit weiterem Pachtland bewirtschafteten sie zeitweise über 40 ha. Viermal insgesamt gaben sie in den folgenden Jahren Land für den Straßenbau ab: für die alte und die neue B1 und zwei Mal für die Massenerstraße.

Der Hof war technisch bereits sehr gut ausgerüstet, als sie dort einzogen. Es gab dort schon die ersten selbst fahrenden Mähdrescher, was zu dieser Zeit noch eine Sensation war. Es wurde ein Kanalanschluss gelegt und eine Bewässerungsanlage gebaut. Die während des Krieges verlegte Küche wurde wieder in das Wohnhaus zurückverlegt. In der Küche und der Spinnstube, wie die ehemalige Gesindestube genannt wurde, spielte sich das Leben der Familie Rühl ab. Es blieb über lange Jahre der Lebensmittelpunkt des Hauses.

Hof Bellevue

Das gesamte Inventar mussten sie neu anschaffen, als sie den Hof bezogen. Stroh und Heu hatte der Schwiegervater dem scheidenden Pächter Conradi noch abgekauft, der nach Uentrop zog und alles, auch sein gesamtes Vieh, mitnahm. Als Beigabe schenkte der dem jungen Ehepaar zehn Hühner. So war erst einmal das Frühstück für die erste Zeit gesichert. Zu den Hühnern kamen sieben Kühe, eine Sau und zwei Pferde, selbstverständlich auch Hunde und Katzen. Zum Schluss besaßen sie 30 Kühe. Nur im Sommer hielten sie Schweine im Rinderstall, wenn das Jungvieh auf der Weide war. So konnten die Ställe optimal genutzt werden. Der ganze Stolz war eine Staatsprämien- und Hauptstammbuchstute. Immer wieder bekamen sie Aufzuchtsprämien und hervorragende Platzierungen bei der Fohlenzucht.

Der Arbeitstag begann für Otto Rühl um 4 Uhr in der Früh. Zusammen mit zwei Lehrlingen kümmerte er sich zunächst um das Vieh. Seine Frau stand um 6 Uhr auf. Mit zwei Mädchen, die ihr halfen, bereitete sie das Frühstück. Es gab viel zu tun. Bis in die sechziger Jahre waren sie auf die Hilfe von Tagelöhnern angewiesen.

Doch mit der Technisierung der Landwirtschaft wurde vieles einfacher. Durch den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln fiel die schwere Arbeit des Rübenhackens weg. Ein Körnergebläse ersetzte die Buckelei mit den schweren Säcken, die nun nicht mehr die Treppen hoch geschleppt werden mussten. Es waren lange, arbeitsreiche, erfüllte Jahre, die Rühls auf dem Hof Bellevue verlebten.

Hof Bellevue

Drei Brände hat der Hof überstanden. Gleich zwei Mal brannte es im Jahr 1934. Einmal brannte die Scheune bis auf die Grundmauern nieder. Kaum war sie wieder aufgebaut, brannte das Wohnhaus ab. Die Brandursache war einmal Unachtsamkeit, das andere Mal ein Blitzeinschlag. Als 1965 die Scheune erneut in Flammen stand, konnte ein Übergreifen des Feuers auf das Wohnhaus zum Glück verhütet werden. Trotz der Brandkatastrophen ist bis heute der originale Dachstuhl von 1828 erhalten.

Rund um den Hof Bellevue ist im Laufe der Jahre ein Gewerbe - und Industriegebiet entstanden. Otto Rühl fuhr im Jahre 1988 die letzte Ernte ein. In diesem Jahr begann Lidl zu bauen. Annemarie Rühl verkaufte ihre Ländereien. Sie behielten 6000 qm zurück.

Hof Bellevue

Im Jahre 2006 kauften Birte und Robert Schneider den Besitz, auf dem sie heute unter anderem die Seniorenwohngemeinschaft Bellevue führt. Sie hat den alten Gutshof in ein Haus der Begegnungen verwandelt. Das hauseigene Cafe, das Versicherungsbüro Schneider, das Bestattungshaus Groß und weitere Unternehmen auf dem Gelände ergänzen das Angebot. Ein lebendiger Ort, der zur Begegnung einlädt.